Rudolf Barshai

Rudolf Barshai: Rudolf Barshai

Aus einem Gespräch mit Felix Gottlieb (in German)

Die Erinnerung an Gilels ist mir sehr teuer, weil ich ihm gegenüber eine enorme Sympathie empfand. Wir trafen uns häufig; ich war sehr oft bei ihm zu Hause. Mein Sohn Wolodja, damals noch ein Junge, freundete sich mit Gilels‘ Tochter Lena an. Und sogar nach der Emigration von Wolodja und seiner Mutter aus der UdSSR blieben sie in Briefwechsel miteinander und hielten die guten Beziehungen aufrecht.

Es gab in Gilels etwas erstaunlich Anziehendes: seine Ernsthaftigkeit, seine ehrliche Beziehung zur Musik, zur Sache. Ich täuschte mich nicht, denn in seinem Spiel hatte ich das schon immer gehört- und später, als wir anfingen zusammenzuarbeiten, erhielt ich die Bestätigung dafür.

Einmal wandte er sich an mich mit dem Vorschlag, ein Programm aus drei Klavierkonzerten zu spielen: Bach (d-moll), Haydn (D-Dur) und Mozart (C-Dur). Ich sagte im sofort: "Wir werden kein genaues Datum für das Konzert festlegen, sondern wir werden auftreten, wenn wir dazu bereit sind". "Das ist es, was ich möchte" - sagte er zu mir.

Das Konzert von Haydn spielte er so natürlich, mit einer solchen Leichtigkeit, die Achtel, Sechzehntel klangen wie Perlen. Ich war verblüfft: was war das, was er in seinen Fingern hatte? Sogar proben musste man nicht: So natürlich war alles, dass ich praktisch nicht dirigierte, sondern flog. Entsprechend spielte auch das Orchester - Orchestermusiker reagieren doch auf solche Dinge. Ausgegangen war dies – selbstverständlich - von Gilels.

Bei Mozart überraschte mich sein Rhythmus - ein irgendwie elektrisierender. Während er spielte, lud er einen auf wie einen Akkumulator, aber der Stromschlag ging von ihm aus! All das geschah so natürlich, dass man spielen konnte ohne sich gegenseitig zu behindern - und dirigieren, ohne den zu behindern, der spielte.

Und da erinnerte ich mich, dass man nur dann Dirigent werden kann, wenn man einige Bedingungen erfüllt. Die erste Bedingung ist - nicht das Orchester zu behindern. Das verstehen nur wenige. Die zweite: Wenn man gelernt hat, nicht zu behindern, dann kann man versuchen zu helfen. Wenn die ersten beiden Bedingungen erfüllt sind, dann kannst du führen. Während der Arbeit, in den Proben mit Gilels erschien mir dies im höchsten Maße erreicht zu sein. Ich erinnere mich nicht, wer mir während eines Arbeitsprozesses noch ein solches Vergnügen bereitet hätte. Bei mir waren sehr gute Solisten. Ich kam auch mit Oistrach zusammen, mit ihm war die Arbeit ähnlich. Der Unterschied bestand darin, dass es für eine Geige leichter ist, mit dem Orchester zu verschmelzen, als für einen Flügel. Aber die Passagen von Gilels verschmolzen ungewöhnlich leicht mit den Passagen der Geigen im Orchester und es gab niemals irgendwelche Probleme.

Noch eine Beobachtung. Oft entstehen zwischen den Partnern in einem Kammermusikensemble, zwischen Solist und Dirigent, Meinungsunterschiede und Streit - eine Seite schlägt etwas vor und die andere akzeptiert es nicht. Aber aufgrund meiner eigenen Erfahrung kam ich zu der unumstößlichen Meinung, dass nur der streitet, der etwas nicht kann, nicht versteht. Aber jemand, der alles kann - wie Gilels oder Oistrach - streitet nicht herum. Mit ihnen hat man am wenigsten Probleme. Wenn ich manch einem Solisten etwas vorschlage, beginnt er sofort zu widersprechen oder lehnt meinen Vorschlag ab. Doch Oistrach zum Beispiel nahm sofort die Geige und spielte phantastisch das, was ich vorgeschlagen hatte! Und dann fragte er: "Aber ist es so nicht besser?" - und er spielte es anders und überzeugte!

Folgende Erfahrung machte ich mit Gilels in der Kammermusik. Mit dem Trio Gilels, Kogan, Rostropowitsch spielte ich ein Quartett von Fauré. Eine schöne, sehr würdevolle Musik. Wie Gilels arbeitete! Nichts ließ er aus, viele Male - mal zu zweit, mal zu dritt - wiederholte er die Stellen. Ich sehe und höre zu, wie er versucht, den Klang zu erfassen, der mit der Geige, mit der Bratsche verschmelzen soll - und es gelingt ihm. Und ich dachte bei mir: Wer hätte dies noch so gekonnt?

Und wie er an den Mikrophonen herumnörgelte! Als wir in den Kleinen Saal des Konservatoriums gingen um eine Aufnahme zu machen, verschob man ungefähr fünfzehnmal den Flügel - mal näher, mal weiter weg, und noch und noch einmal. Und der Tonmeister war Alexander Grossmann, einen besseren gibt es nicht: ein Mensch, der den optimalen Klang herausholt, bei dem ein Quartett wie ein Organismus klingt und nicht wie vier vereinzelte Instrumente. Deshalb, mag dies auch unbescheiden klingen, empfand ich es als normal, dass diese Aufzeichnung in Paris mit dem Grand Prix du Disque ausgezeichnet wurde. Und Grossmann triumphierte ebenfalls!

Rein menschlich gefiel mir Gilels sehr - er war zurückhaltend, er mochte kalt scheinen, aber tatsächlich war das keine Kälte, keine Distanziertheit- in Wirklichkeit war er nicht einfach nur ein warmherziger - er war ein feuriger Mensch! Er hielt sich im Zaum, und das gefiel mir an ihm. Er war ein Mensch mit Substanz; niemals hätte man ihn leichtfertig oder gar leichtsinnig nennen können, Gott bewahre! Das hätte gar nicht zu ihm gepasst!

Gilels - er spielte alles wunderbar. Was war er aber auch für ein Pianist!

Aus einem Gespräch mit Felix Gottlieb.

Basel, 7. Juli 2006.

(!) Felix Gottlieb